Rezension: Das unendliche Buch….

hat doch ein Ende, nämlich nach 283 Seiten. Genauso wie dem Buch an sich schon längst das Ende vorhergesagt wurde endet das unendliche Buch tatsächlich. Aber irgendwie auch nicht, also ich hätte es noch gerne länger gehabt. Wie immer, wenn etwas spannend, fesselnd, schön ist. Man möchte einfach nicht, dass es endet. Tut es aber doch. Also wenigstens hier. Als Buch. Die Entwicklung an sich geht weiter. Und was hier die Autorin noch so als Erfindung einer Zukunft oder als in eine nicht realen Welt spielend schildert, ist in Teilen schon längst Realität. Und wir merken es nicht, dass es das schon gibt. Und wenn man sich beim Lesen denkt: „Mensch, sind die Menschen blöd“, dann sollte man sich nicht so sicher sein, dass im eigenen Leben nicht längst schon Algorithmen Teile der Steuerung übernommen haben.

Beige, leicht ins Gelbliche schimmernder Einband, Leinenstruktur, in der vorliegenden Ausgabe leider durch buchbinderische Maßnahmen in einen glänzenden Plastikmantel gehüllt. Die Höhe von ca. 21 cm bei einer Dicke von 3 cm entspricht einem gut in der Hand liegenden Exemplar. Schlicht und elegant kommt es daher; keine Titelei stört das Auge, nur auf dem Rücken das Nötigste: Noëlle Revaz Das unendliche Buch

Mit seiner Schlichtheit reiht sich das Werk unaufgeregt in die Reihe der andere Bücher in meinem Regal; es macht sich aber auch auf dem dunkelbraunen Mahagonitisch durch seine Unaufdringlichkeit sehr gut.
Der Verlag hat alles daran gesetzt, hier ein solides, aber im Erscheinungsbild elegantes Buch herauszugeben, das man einfach besitzen muss und auch kann. Kein verschnörkeltes Drumherum, nein gerade und ehrlich im Design spricht es jeden an.

Nun, wären wir in der Realität von Noëlle Revaz, so würden wir auch nicht mehr über das Buch erfahren. Wozu auch, es sieht schön aus, passt gut zu den anderen Büchern und reiht sich klaglos in mein Regal ein, um von da an als Kulisse für mein Zimmer zu dienen. Geben wir es doch zu, manche Bücher haben wir doch nur im Regal stehen, weil man die halt hat. Aber insgeheim noch nie gelesen hat.

Was kümmert es uns also noch, was in dem Buch drin steht. Die Kritiker oder Talkmaster der Fernsehsendungen haben es uns empfohlen, also wird es gekauft und ins Regal gestellt. Selbst die gefeierten Autoren, die in den Talkrunden ihre Neuerscheinungen präsentieren haben da so ihre Schwierigkeiten:

Vor lauter Reden über ihr Buch wusste Jenna Fortuni inzwischen nicht mehr so richtig, was eigentlich drinstand. Sie hatte bis zur Erschöpfung auf Fragen geantwortet, die auf seine Vorbilder zielten, seine Entstehung, die Entscheidung für das Format und den Grund für die rote Farbe. Sie hatte sogar die Herausforderung gemeistert, einigermaßen lar darzulegen, warum ein Buch >>Buch<< genannt wurde und zu welchem Zweck man all diese Bücher ersonnen hatte.
Jetzt aber streifte gelegentlich ein Gedanke ihren Geist: Was stand eigentlich in ihrem Buch?“ (S. 37)


Wenn man nun glaubt, dass ein Autor doch noch wissen muss, was in seinem Buch steht; wer garantiert mir denn, dass ein Mensch den Text verfasst hat? Und wenn sich niemand mehr für den Inhalt eines Buches interessiert, weil das Drumherum ja schon reicht, wer interessiert sich denn dann noch für den Inhalt, woher er kommt, wie er entstanden ist. Wie kann es sein, dass ganze Arbeiten aus Versatzstücken einschlägiger Online-Wikis und anderen Texten stammen und keiner merkt es?
Oder Texte, die von Computern geschrieben wurden? Gibt es nicht, tja mich hat die Realität da dann doch auch etwas erschreckt, als ich gelesen habe, wie weit es schon gekommen ist. Hier ein paar Links:
Und hier ein paar Programme:

Der Autor, auch wenn er nicht mehr selbst schreibt, sondern nur noch Blöcke aus Textsammlungen zusammenfügt

„Larsens Geschicht verfinsterte sich. Tatsächlich hatte auch er damit begonnen, seine Bücher mithilfe der neuen Ausdrucksbanken zu verfassen.“ (S. 14)

wird zum Spielball der Verlage, die er nur als Kontaktadresse kennt, an die er seine Notizen, Entwürfe, Blätter sendet und von dem er 2 Wochen später das fertige Buch zurück erhält.
Und wenn nun ein Verlag beschließt, aus zwei erfolgreichen Autorinnen eine einzige zu schmelzen, dann geschah dies. Der Verlag, die graue Eminenz im Hintergrund, die keiner je zu Gesicht bekommt und die doch bestimmt, wann ein Autor ein Buch veröffentlicht, manchmal sehr zum Erstaunen des Autors. Der bestimmt, wie das Buch aussieht und wann es in der Öffentlichkeit präsentiert wird.
Die beiden Autorinnen aber machen etwas Ungeheuerliches; nicht nur dass sie nach anfänglichen Schwierigkeiten Freundinnen werden, nein sie wagen es: sie schlagen ihre eigenen Bücher auf! Köstlich die Schilderung:

Jenna Fortuni fühlte sich unbeholfen. Sie wusste nicht so richtig, wie man sich beim Öffnen eines Buches anstellen sollte. Schob man es am besten in der Mitte auseinander und schaute ausfs Geratewohl hinein? Oder sollte sie lieber so vorgehen, wie sie es auf einer alten Illustration gesehen hatte, auf der eine Großmutter mit Haube ihren Enkeltöchtern Märchen vorlas? Dann hätte sie das Buch gleich unter dem Uschlagdeckel angreifen müssen.“ (S. 203-204)

Und als das nicht schon ungeheuerlich genug ist, nein sie tun es öffentlich bei der Präsentation ihres ersten gemeinsamen Buches! Zwar mehr unfreiwillig, denn trotz aller guten Vorsätze sitzen beide wie versteinert auf dem Podium und sind nicht in der Lage, ihr Buch zu öffnen. Aber durch eine Ungeschicklichkeit fliegt das Buch durch die Luft und bleibt – oh Schreck – geöffnet liegen!!

Es war ein peinlicher Anblick, der sich da bot. Das Buch war auf die falsche Seite gefallen. Es war auf seinen breiten rücken geknallt, was wirklich nicht hätte passieren dürfen. Das Buch lag total liederlich da. Die frische Luft strich um seine Eingeweide, das Innere war zur Schau gestellt.“ (S. 273)

Die Moderatorin erhascht einen Blick in das Buch und während das Buch schnell wieder zugeklappt wird, geht eine wundersame Wandlung in ihr vor: sie möchte wissen, was auf den anderen Seiten des Buches steht, ob das überhaupt etwas steht und so weiter. Sie nimmt also das Buch an sich und während sie mit den Talkgästen plaudert, öffnet sie das Buch. Mit Folgen für die anderen Autoren, Zuschauern, Moderatoren, die plötzlich das Wesen des Buches wiedererkennen.

Abstrus, spannend, erschreckend zugleich, wenn man sich etwas mit dem Verlagsgeschäft auskennt und erkennt, auf welchem (Irr-)weg sich die Branche, Autoren, Leser…. geradewegs unterwegs sind oder vielleicht gibt es doch noch eine Abzweigung und die Entwicklung nimmt eine unbekannte Wendung?

Aber auch die Nebenhandlungen, das zwischenmenschliche Miteinander, Die Dos and Don’ts, die Auswahl von Freunden über einen Computerkatalog, der aufgrund der Profile die Gästeliste zusammenstellt; die Musik als immerwährender Stream, die Freundschaft zu „Gastfamilien“ via Bildschirmmeetings; alles abstrus überzeichnet und doch erschreckend realitätsnah.

Dieses Verschwimmen der Grenzen, das Spiel mit der Fast-Realität, das Bekanntsein vieler Dinge und doch phantastische Zukunftsspielerei, das machte das Buch für mich so spannend und fesselnd.

Das unendliche Buch von Noëlle Ravuz. Wallstein Verlag, Göttingen 2017

 

 

 

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2 Antworten zu Rezension: Das unendliche Buch….

  1. Pingback: [Bücher in Büchern] Das Buch als Event | Lesen in Leipzig

  2. Jennifer schreibt:

    Oh Gott, was für eine Zukunft für das Buch bzw. die Branche!
    Ich muss sagen, ich werde mir das Buch wohl selbst kaufen müssen, es klingt sehr, sehr spannend. Und ich mag deine Rezension, angelegt ans Buch quasi 😉
    VG Jennifer

    Liken

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