Perfect Strangers von Stephen Poliakoff

ps 1 Man kennt das vielleicht aus dem eigenen Leben: es lebt sich so dahin, man trifft sich immer mal wieder mit seinen engeren Verwandten; Eltern, Geschwister, vielleicht auch Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, wenn sie in der Nähe wohnen. Aber wer war eigentlich die Schwester der Tante von Großmutter? Und was hat deren Sohn mit dem Verhältnis von XYs und dem Streit zwischen Tante Martha und Tante Edith zu tun? So oder so ähnlich geht es doch in jeder Familie zu: Da gibt es Verwandte, die sich nicht riechen können und der Grund liegt lange zurück in der Vergangenheit oder es tauchen plötzlich Großtanten auf, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt. Die weiteren Kreise einer Familie bleiben einem oft verborgen, jedenfalls wenn man in einen Familienzweig hineingeboren ist, der sich von jeher eher am Rande des Familienstammbaumes wähnt und dort eingerichtet hat, also auch keine großen Ambitionen hat, mehr und näher in Kontakt mit dem Rest der Verwandtschaft zu treten.
Bedeutet, man weiß zwar, dass es da irgendwo noch mehr Familie geben muss, aber man kennt sie nur vom Hörensagen und hat von Hause aus keinerlei Kontakt. Bis…., ja bis plötzlich eine Einladung zu einem großen Familientreffen eintrudelt und plötzlich die unbekannte Familie ganz nah ins Leben rückt.

So geht es Daniel, einem jungen Londoner aus der weitverzweigt lebenden Familie der Symons, von denen er aber nur noch einen Onkel und Tante kennt – ausser natürlich seinen Eltern. Der Rest der Familie und deren Lebensumstände ist ihm völlig fremd; sein Vater war wohl das schwarze Schaf der Familie, soviel wusste er, aber die Hintergründe dafür und wieso kein Kontakt zum Rest der Familie bestand; keine Ahnung, es war eben so. Erstaunlicherweise hatten sich seine Eltern entschieden, die Einladung anzunehmen; was ihn natürlich mit einschloss und so machte er sich auf, um mit dem Rest des kleinen Hillingdoner Symonds-Familienzweig im Herzen Londons die unbekannte Verwandtschaft zu entdecken.

Während Daniel frei und unvoreingenommen dem Reunion-Wochenende entgegensieht, verfällt sein Vater in die typischen Stereotype seines Vaters und seiner selbst „Wahrscheinlich werden wir wieder wie die Aussätzigen, das fünfte Rad am Wagen behandelt. Zimmer weit weg und das kleinste, das es in diesem Hotel gibt. Wer will sich schon mit uns treffen, alles nur pro Forma; Ich fahre zwar hin, aber nur um möglichst schnell einen Grund zu finden, um dieses Fest wieder verlassen zu können……“

Warum diese schlechte Meinung von der Familie? Was steckt hinter dem gestörten Verhältnis zwischen Daniels Vater und seinem Bruder (der übrigens diese „Reunion“ organisiert und zahlt) und mit ihm dem Rest der Familie? Wieso existiert von ihm ein Kinderphoto als Prinz verkleidet? Und wo bitte ist dieses gemacht worden; an dessen Existenz und Zustandekommen er sich so partout nicht erinnern kann? Gab es in seiner frühen Kindheit doch nähere Verbindungen zu dieser ihm fremden eigenen Familie in London?

Daniel lernt eine seiner Cousine und seinen Cousin kennen, sofort scheint sich eine Vertrautheit einzustellen; als ob sie als Kleeblatt zu dritt erst vollständig wären. Mysteriös die Rituale und Verhaltensweisen den anderen Familienmitgliedern gegenüber, die ihrerseits bei näherem Hinschauen ihre eigenen Geschichten und Vergangenheiten ps2enthüllen. Da sind die drei älteren Damen; Tanten wohl, die nur mit Unmengen von Cookies aller Sorten verreisen und deren Gruppenbild als Kinder eine erstaunliche Vergangenheit zu Tage fördert.

Da ist der Archivar der Familie; der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, den vollständigen Stammbaum der Familie zu erstellen und für jedes Mitglied mindestens ein altes Photo aus der Vergangenheit hervorzugraben aus den wohl Tausenden von Bildern, die das Archiv umfasst. Doch mit eine der berührendsten tragischen Geschichten trägt er selbst mit sich herum.

Es enfaltet sich ein Kaleidoskop anhand einzelner alter Familienbilder, die die einzelnen Familienmitglieder immer wieder in einem anderen Licht erscheinen lassen und so manche Eigenart oder Schrulle mit den Geschehnissen in der Vergangenheit erklärt.
Für Daniel eine gänzlich neue, faszinierende Welt und in seiner Naivität des neutralen, von allem diesem Vorwissen um Verbindungen, Zerwürfnissen und lange schwelenden Mißverständnissen ausgeschlossenen, Aussenseiter versucht er auf rührende Art einige Dinge gerade zu rücken. Zuerst mit fatalem Ausgang; aber am Ende mag man doch die Hoffnung haben, dass der erste Schritt gemacht ist. Mehr will ich nicht verraten, denn es soll ja spannend bleiben.

Hach, Familiengeschichten sind spannend, und die, die schon lange in der Vergangenheit spielen noch viel mehr. Wer hat nicht schon einmal in den Alben von Großmutter herumgeblättert und hat sich gewundert über die steifen Familienbilder oder gelacht über die ulkigen Urlaubsbilder, wenn die Ur-Großeltern im Anzug und Kleid am Strand sassen, mit Hut und Schirm etc. Jaja, daran mag man mein Alter erkennen; ob in Zeiten der digitalen Photographie noch so etwas möglich sein wird??

Diese Faszination, in eine vergangene Zeit, eine vergangene Welt einzutauchen und dann plötzlich zu merken „Hey, das ist ja meine Famile, das hat ja Auswirkungen auf die heutige Familenkonstellation; wäre Onkel O. damals nicht nach XY ausgewandert, dann hätte es dieses und jenes nie gegeben bzw. wäre nie passiert….“

 Und genau das ist es, was Stephen Poliakoff mit dem Stück und mit der BBC-Serie, verfilmt mit Michael Gambon, Lindsay Duncan und Matthew MacFadyen in den Hauptrollen, so genial herausfiltert. Einerseits, dass jede Familie in ihrer Vergangenheit spannende Geschichten erlebt hat und andererseits diese Faszination, wenn man das erste Mal damit in Berührung kommt und sich vor einem die Geschichte aufrollt und lebendig wird.

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