Any human heart von William Boyd

Was für ein Buch, was für ein Leben, was für ein Jahrhundert! Gerade eben habe ich „Any human heart“ beendet und könnte es doch gerade wieder von vorne beginnen. 

Einfach nur genial, was dieses Buch anrichtet. Also wenigstens bei mir;-) Nicht nur, dass es – bis auf eine kurze Unterbrechung – meine gesamte Freizeit okkupiert hat; wenn ich nicht das Buch in greifbarer Nähe hatte, wurde ich schon unleidig…. nein, es hat mich immer wieder so an der Nase herumgeführt, wie ich es als Leser nur in einer Weise akzeptiere: nämlich intelligent. Was habe ich mit dem jungen Logan auf dem Rugbyfeld mitgefiebert (ja, auch nichtbritische Frauen mögen diesen Sport) und wie habe ich auf seinen zahlreichen Reisen in Spanien an seinen Parties als hemlicher Gast teilgenommen und all die illustren Persönlichkeiten kennengelernt. Nur um mir dann immer wieder sagen zu müssen: vergiss es, dieser Mann hat doch garnicht gelebt, alles nur – wenn auch sehr gut recherchierte- Phantasiebegebenheiten!!! 

Aber wie geschickt dieses Leben in Tagebüchern arrangiert ist, wie man mitleiden und sich mitfreuen kann und wenn am Ende des Buches auch noch ein Bezug zum eigenen Leben entsteht – ich meine die Querverweise auf die RAF; ich kann mich nich gut daran erinnern, wie zu Grundschulkinderzeiten in der Post das Plakat der Kriminalpolizei mit den RAF-Terroristen hing. Und in Heidelberg als meiner Heimatstadt waren die Plakate nicht nur dort, sondern eigentlich in jedem Laden zu sehen.

Die Idee, sein langweiliges Internatsleben mit eigenen Challenges aufzupeppen; absolut genial. Das könnte heute noch funktionieren. Auch ohne Schule, neben dem Alltagsleben sich für ein halbes Jahr oder ein Jahr ein Projekt ausdenken, oder noch besser, für jemanden im Freundeskreis und vice versa. Was die Sache natürlich unzweifelhaft gemein werden lassen kann.

Da ich das englische Buch gelesen habe, sind mir wahrscheinlich sprachliche Spitzfindigkeiten und Seitenhiebe, Querverweise und Wortspielereien entgangen, aber auch für einen nicht Muttersprachler fand ich das Buch gut zu lesen; soll heissen, man muss nicht andauernd im Dictionary nachschlagen. (Was ich zugegebenermassen sowieso kaum mache; entweder ich verstehe, was geschrieben wird oder ich versuche es aus dem Kontext zu erschliessen. Ich will jan nicht wörtlich übersetzen! Und das dauernde Nachschlagen stört den Lesefluss und -genuss derart, dass ich dann keine Lust mehr hätte.)

Nein, es war ein Vergnügen, ja fast eine Sucht, mit Logan durch sein Leben zu gehen, die Grauen des Krieges mitzuerleben, die leider auch ihn getroffen haben. Aber er wäre kein Brite, wenn er sich nicht immer wieder aufrappeln würde und dem Leben immer wieder lohnenswerte Seiten abgewinnen könnte. Seine lebenslage Freundschaft zu seinen Schulkameraden und damit auch immer wieder der Blick hinaus auf andere Lebenswege und die Schlüsse, die er daraus zieht, einfach nur anrührend, lebensecht und nachvollziehbar. 

Eine Zeit, die mich sofort in seinen Bann gezogen hat war die, als er nach seinem Unfall im Krankenhaus lag. Was kann ich seine Gedanken über das Liegen über längere Zeit in einem Hospital nachvollziehen. Gut, heutzutage gibt es Türen an den WCs, aber die Schilderung der Schwestern und deren Zeitnot, weil schon damals zuviele Patienten von zu wenigen Schwestern versorgt werden mussten…. Ach halt nein, das Wissen des heutigen Pflegenotstandes ist unserem fiktiven Logan in Gestalt von William Boyd ja bestens bewusst; natürlich kann er das ja auch schon in früheren Jahrzehnten so existieren lassen. 

Man nimmt es immer wieder für bare Münze, was uns Logan da in seinem Tagebuch schreibt.

Am Ende in Frankreich; fast wäre ich versucht bei meinem nächsten Urlaub dort nach Sainte-Sabine zu fahren und den Friedhof zu besuchen. Und bei Boyds genauer Recherche und Verwebung realer Ereignise zum fiktiven Leben Logans wäre ich nicht überrascht, wenn ich dort einen Grabstein finden würde:  Logan Gonzalez Mountstuart 1906 – 1991 Escritor Writer Ecrivain….

Und zum Trost am Ende eines langen, ereignisreichen Lebens ist es Logan tatsächlich vergönnt; das kleine Quentchen Glück, das ihm ein friedliches, schönes Ende beschert.

„Now I’m in my eighties – toothles, limping, the brown fog descending from time to time, but otherwise as well as I can expect – I find myself asking the universe for one more piece of good luck. 

A sudden exit, please. Just switch the lights out.“

Auf was kann man sich nach diesem Buch noch freuen?

 Auf die Verfilmung! 

Und diese DVD wartet nun schon seit Wochen darauf, angesehen zu werden. Aber ich wollte unbedingt das Buch vorher gelesen haben, um mir den Thrill nicht zu verderben, indem ich den Film zuerst schaue. Aber ich freue mich schon wahnsinnig auf die nächste Gelegenheit, wenn ich abends Zeit habe, gemütlich mit einer Tasse Tee und Biskuits diesen Film zu zelebrieren. Die Kritiken sind durchweg positiv und da einer meiner Lieblingsschauspieler die Hauptrolle spielt, bin ich natürlich noch mehr gespannt, wie er den Logan verkörpert. Und da das Drehbuch auch von William Boyd geschrieben wurde, kann die Umsetzung ja nur gut sein… keep fingers crossed

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