Erst Film, dann Buch? Oder umgekehrt?

220px-in_my_father27s_den_movie_posterVor Tagen bin ich über einen großen Internetanbieter auf einen Film gestoßen, der mich seitdem total in seinen Bann zieht. Inzwischen habe ich in mindestens fünf Mal angeschaut und auch die Originalversion besorgt. Ok, so gut verstehe ich das im Film gesprochene Englisch dann doch nicht, um ohne die englischen Untertitel auszukommen. Aber es wird immer besser. Trotzdem bin ich erstaunt darüber, wie verschieden gut verständlich Filme im Original manchmal sind. Gerade eben eine mehrteilige internationale Produktion gesehen, teilweise mit den gleichen Schauspielern und die verstehe ich ohne Untertitel. Aber dazu und einem Exkurs Synchronisation von Filmen später einmal mehr.

Zurück zum Thema: Macht es in der Wahrnehmung einen Unterschied, ob ich zuerst eine Verfilmung gesehen habe und danach das Buch lese oder beeinflusst mich die Reihenfolge nicht. Und macht es desweiteren einen Unterschied, ob ich eine Verfilmung absichtlich anschaue oder zufällig einen Film sehe und dabei merke, dass ich das Buch kenne.

Und noch weiter gegriffen: Ändert das zufällige „Finden“ eines Buches die Erwartungshaltung an das Buch gegenüber dem absichtlichen, geplanten Aussuchen eines Buches. Und ändert sich die Erwartungshaltung an ein Buch, wenn ich es nach einer Empfehlung, gedruckt oder mündlich, lese?

Ok ok, das würde jetzt zu weit führen, zurück zum Buch versus Film. Da fängt es doch schon gleich an: wieso versus? Muss ein Film immer gegen das Buch aufgewogen werden? Kann man ihn nicht entweder als Ergänzung oder als Neuinterpretation sehen. Sind wir so „eng“, dass wir bei einer Verfilmung eines Buches immer genau darauf fixiert sind, ob der Film das Buch auch genau nacherzählt und wehe, etwas wird verändert oder weggelassen?

Der Film, um den es geht war: „Als das Meer verschwand„, der Originaltitel lautet – wie das Buch auch – : „In my father’s den

Geschrieben von Maurice Gee, verfilmt von Brad McGann.
Der Film hat mich mit seiner ruhigen, hypnotisierend langsamen Gangart von Beginn an gebannt. Nach einem langsamen Start wechseln die Perspektiven, Zeitsprünge verdichten den Stoff immer mehr und drängen dann am Ende zu einem Höhepunkt, der mich bis zum Ende des Abspanns vor dem Bildschirm sitzen liess. Und mit dem Gefühl, den Film gleich noch einmal ansehen zu wollen. Der Soundtrack tut das seinige bestimmt dazu, passt sich absolut stimmig ein und unterstützt die Gefühlslage des Filmes total. Und wenn mich ein Film so flasht, dann will ich – wenn möglich – mehr wissen. so war der Weg zum Buch nicht weit und oh oh, keine deutsche Übersetzung vorhanden! In der örtlichen Bibliothek auch nicht die Originalversion; klar, wieso sollte ein neuseeländischer Autor bei uns jetzt gerade im Regal stehen.

Aber die Originalversion gab es im Internet zu erstehen und so war sie dann auch schnell mein!
Nun gut. mit dem Hintergrundwissen des Films wagte ich mich an das Abenteuer neuseeländischer Autor im Original zu lesen. Erstaunlicherweise kein Problem, mein Englisch scheint im passiven Verstehenssektor doch besser zu sein als gedacht. Nach den ersten zwei Kapiteln fragte ich mich allerdings dann doch etwas, ob ich das richtige Buch in den Händen hielt. Zeit, Ort, Beruf verschieden, einer der zentralen Handlungspunkte – der Tod des Mädchens – anders dargestellt und zugleich am Anfang des Buches gebracht.

Alles Punkte, die mich etwas verwunderten; ob ich es hier wirklich mit dem dem Film zugrunde liegenden Buch zu tun hatte. Und doch, nach etwas Einlesen entfaltete auch die Buchversion eine Sogwirkung, die mich nicht mehr losließ und ich das Buch im Endeffekt auch innerhalb einiger Tage durchlas.
Ja, die Geschichte ist anders; nein, die Grundmotive sind vorhanden, ja, der Handlungsrahmen ist im Großen und Ganzen identisch, nein, das Ende ist noch unfassbarer als im Film.

Der Regisseur adaptiert die großen, grundlegenden Themen des Buches, versetzt die Handlung in eine uns näher liegende Zeit und – vielleicht um uns das Verstehen leichter zu machen- verändert den Beruf von Paul Prior und – das verwundert mich am Meisten- der Täter ist ein anderer als im Buch.

Nichtsdestotrotz verliert der Film in keinster Weise gegen das Buch. Im Gegenteil, die Verfilmung ist vielleicht noch etwas dichter und dramatischer als das Buch selbst.

Und vor allem; wäre ich durch Zufall auf dieses Buch gestossen; ich hätte es nicht gelesen. Vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es eben auch sehr langsam und verwirrend in die Gänge kommt. Mit dem Vorwissen des Filmes wusste ich, dass sich die Geschichte wahrscheinlich auch im Buch erst sehr langsam entwickeln und entwirren würde…. und deshalb bin ich dabei geblieben.
Hätte ich im Gegenzug die Verfilmung anschauen wollen, nachdem ich das Buch gelesen hatte? Vielleicht nicht zwingend. Denn ich hätte mir nicht richtig vorstellen können, wie man dieses Wechselspiel aus Gegenwart und Rückblenden spannend in einen Film hätte packen können.

So war die Reihenfolge für das Auffinden dieser literarischen Entdeckung für mich ein Glücksfall. Hätte man versucht, dicht an der Vorlage zu kleben, es hätte nur misslingen können. Hier war gerade das Ändern und Entfernen von der Vorlage ein fantastischer Griff des Regisseurs, der mir durch diesen Film zu einer Erweiterung meines Lesehorizontes verholfen hat.

Wer den Film kennen lernen will:

Der Film bei Itunes

Der Film bei Amazon

Und hier das Buch:

In my father’s den – Seite des Verlags Penguin Books

Interviews:

Interview mit Emily Barclay

NZ on screen – mit Trailer, Interviews mit dem Regisseur, Schauspielern, Making Of

 

 

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